Auf ein Kölsch mit Jeff Sutherland

Jeff Sutherland in Bensberg, in der Nähe von KölnWas für ein Glückstag, der 18.9.2014. Ich wußte zwar, dass Jeff in meinem Wohnort eine Schulung abhalten würde, hatte aber nicht mitbekommen, dass es danach quasi für die Öffentlichkeit noch ein Get-together geben sollte.

60 Minuten vor Terminbeginn saß ich noch im Büro und hatte mehr zufällig meine Google+ Einträge durchgeblättert. Boeffi hatte Stunden zuvor noch mal auf das Get-together hingewiesen. Gott sei Dank hatte ich noch genug Zeit, von Köln nach Bensberg zu fahren, um pünktlich dabei sein zu können. Leider hat es Boeffi dann nicht mehr geschafft (wäre sicher noch cooler geworden ;-)).

Neben Jeff und bekannten Gesichtern der Agile Cologne konnte ich dann auch noch einige Trainer von Scrum-Events persönlich kennenlernen, u.a. Ute, die schon Scrum Master von mir auf die Zertifizierung vorbereitet hat.

Wir trafen uns in der Kneipe des Kardinal-Schulte-Hauses, in dem Jeff den Tag über die Schulung abgehalten hatte. Nach einiger Zeit kamen so einige Leutchen zusammen. Schließlich gesellte sich Jeff nebst seiner Frau dann dazu. So unkompliziert und zurückhaltend wie man es von den YouTube-Videos kennt, setzte er sich zu uns, gab jedem die Hand und fragte, wo wir uns zuletzt gesehen hätten.

Da er recht regelmäßig in Deutschland Schulungen abhält und auch einige Scrum Master, die bei ihm die Schulungen mitgemacht haben, es sich nicht nehmen lassen ihn mal wieder zu sehen, eine nicht unberechtigte Frage. Ich konnte leider nur mit einem „We met at YouTube.“ antworten, da es tatsächlich meine erste Begegnung mit ihm war. Ich sagte ihm ganz beiläufig, wie andere übrigens auch, dass ich mich sehr freuen würde, ihn mal persönlich kennenzulernen.

Wie cool ist das denn, den jenigen zu treffen, der die ganze Bewegung quasi losgetreten und zur Marktreife gebracht hat. Eigentlich hätte ich aufgeregter sein müssen. Aber zum Einen war es die leichte Müdigkeit, zum Anderen meine 20 Jahre Berufserfahrung, die mich diese Situation zwar nicht unberührt, aber doch mit der gebotenen Sachlichkeit haben erleben lassen. Dafür war ich sofort bereit in eine spannende Diskussion einsteigen.

Es dauerte dann auch nicht lange und Jeff ging auf unsere Fragen und Anmerkungen mit ruhiger, der Erfahrung entsprechend sachlicher Argumentation ein und brachte so manche Erhellung in das Dunkle. Das alles natürlich nachdem alle mit einem Getränk, also einem Kölsch, versorgt waren. Man ist ja schließlich im Kölner Raum. Jeff konnte den Fachbegriff zwar nicht aussprechen, aber ein Fingerzeig auf ein entsprechendes Kölsch-Glas genügte. In einer weiteren Runde konnte man ein durchaus verständliches „Prost“ von ihm wahrnehmen.

Interessant bei der Diskussion war, dass wir relativ schnell auf das resistente Verhalten von Organisationen bei der Einführung von Agilität zu sprechen kamen. Also dem eigentlichen Dauerthema der -klar- deutschsprachigen agilen Community. So dachte ich zumindest. Jeff kam aber sehr schnell darauf zu sprechen, dass er dieses Phänomen auch bei den großen amerikanischen Unternehmen beobachte. Die allesamt damit immer mehr Probleme bekommen werden. Die guten Mitarbeiter würden nämlich diese Unternehmen meiden und stattdessen zu der Vielzahl von Startups abwandern, die es verstehen würden, Agilität wirklich zu leben.

Auf meine Frage, ob er die Problematik eines ScrumButs ähnlich (radikal – könnte man sagen) sähe wie Ken, kamen deutliche Worte eines sehr erfahrenen Managers und vor allem Investors, der Milliarden von Dollar in hunderte von Startups investiert hat. Vor dem Hintergrund des Hire&Fire im amerikanischen Angestelltenverhältnis brachte er klar zum Ausdruck, dass sowohl Manager als auch Mitarbeiter eines Teams sich professionell aufzustellen hätten in ihrem Handeln. Wer nicht professionell handelt, sollte schlicht nicht bezahlt werden. Manager hätten die Teams zu unterstützen bei Problemen, jeder einzelne im Scrum Team hätte mit gebotenem Interesse daran zu arbeiten ein gutes Ergebnis zu erzielen. Für Investoren würde der Profit, der mit dem Ergebnis erzielt werden würde, ausschlaggebend sein.

Man konnte ihm anmerken, daß es für ihn ein unhaltbarer Zustand ist, wenn einzelne Teammitglieder kein Interesse an einer persönlichen Weiterentwicklung zeigen, die auf das Ergebnis einzahlt. Ebenso wichtig ist ihm die Weitergabe des erworbenen oder vorhandenen Wissens. Wissensinseln machen uns langsamer, war sein Kommentar zu diesem Verhalten. Er brachte dann auch ein Beispiel aus seiner Vergangenheit, wo er einem Mitarbeiter klar aufgezeigt hatte, wenn er sich weiter als Wissensinseln betätige, dass dieser das Unternehmen zu verlassen habe.

Obwohl er im Hinblick auf die deutschen Gegebenheiten einen ScrumBut als sinnvoll darstellte, weil es einfach eine lange Zeit dauern würde, die Organisation an Agilität heranzuführen, und genau dies auch unsere Aufgabe als Scrum Master/Agile Coaches sei, dieses Durchhaltevermögen zu zeigen, war er auf der anderen Seite sehr konsequent, was die Professionalität der Beteiligten anging. Wer nicht auf das Profitziel einzahlt, gehört ersetzt.

Gerade im Hinblick auf das (Top-)Management, für uns eine ungewohnte Bewußtseinshaltung. Die sind gesetzt, da denkt eigentlich keiner drüber nach, dass hier jemand ersetzt werden könnte oder würde. Aus Jeff’s Sicht des Investors aber eine klare Sache. Wer dem Profit des Investors durch sein Verhalten schadet, der hat zu gehen – und nicht „auch wenn er Manager ist“, sondern „weil er Manager ist“.

Die Verantwortung der Manager betonte Jeff ganz besonders. Da waren die Probleme im Team schon eher marginal für ihn. Man konnte deutlich spüren, mit welchem Selbstverständnis als Manager er all die Jahre in den Unternehmen Spuren hinterlassen haben muß. Sehr beeindruckend. Für ihn sind die Manager diejenigen, die den Laden schmeißen – und das bitte schön entsprechend gut.

Sehr spannend fand ich den Hinweis, dass die amerikanischen Unternehmen vor 10-15 Jahren ähnlich unterwegs waren, wie wir es gerade in Deutschland beobachten was die Akzeptanz von Agilität angeht. Wie oben schon erwähnt, gibt es ähnliches Verhalten auch heute noch bei den amerikanischen Großunternehmen. Die sind für ihn aber nicht entscheidend. Seit etwa fünf Jahren würden nämlich die Startups die Arbeitsplätze schaffen. Der Focus der US-Regierung auf die Startups scheint deshalb ziemlich ausgeprägt zu sein.

Stellt sich die Frage, ob wir deutschsprachigen Agilisten jetzt noch 10 Jahre „Rufer in der Wüste“ sein müssen, oder sogar länger, bevor wir endlich die erwartbaren Ergebnisse erzielen können, von denen Jeff immer spricht (> 300% Effizienzsteigerung). Eine Sache wurde deutlich: es braucht einen sehr langen Atem und das Prinzip der kleinen Schritte.

Was ich noch vergessen habe zu erwähnen: Nicht nur Manager, sondern auch Product Owner und Scrum Master müssen ihren Stuhl nehmen, wenn sie nicht den nötigen Biss und die gebotene Professionalität für das Ergebnis zeigen. Der Scrum Master hat klar die Aufgabe die Velocity des Teams zu erhöhen (Effizienz), der Product Owner ist klar in der Verantwortung, dass ein Produkt entwickelt wird, das auf den Profit der Investoren einzahlt (Effektivität). Der Product Owner muß den Kunden und den Markt kennen.

Aus Sicht des Teams ist natürlich das Verhalten des Managements von besonderer Bedeutung. Das Management hat die Aufgabe, Problem lösen zu helfen und eine entsprechende Arbeitsumgebung bereitzustellen. Worauf Jeff zu Recht hinwies, war die Problematik, in der Manager stecken. Sie müssen den Anforderungen der Investoren gerecht werden und dafür sorgen, dass der Laden stabil läuft. Dafür brauchen sie aber die Unterstützung der Scrum Teams. Es wäre also nur fair, wenn Teammitglieder auf das Management zugehen würden, um zu fragen wie sie das Management dabei unterstützen könnten. Natürlich war schnell klar, dass diese Richtung der Kommunikation gar nicht genutzt wird. Ohne Frage ein interessanter Verbesserungsvorschlag.

Insgesamt war es ein super interessanter Abend, wie eigentlich auch nicht anders zu erwarten. Wer Jeff schon auf YouTube gesehen hat, kann das nachvollziehen. Bleibt am Ende die Empfehlung: auch wenn’s einige Kilometer weg ist, fahrt hin, wenn Jeff das nächste Mal in Eurer Nähe verweilt. Es lohnt sich.

Vielleicht noch eine interessante Erkenntnis zum Schluß: Wer mal wieder ein Argument für das Management braucht, warum Agilität hilft, der kann neben dem „3 x erfolgreicher abgeschlossene Projekte“ aus Software in 30 Days von Jeff und Ken auch noch anführen, dass z.B. SAP Holland, die recht fotschrittlich in der Scrum Implementierung ist, damit die Kosten um 50% senken konnte. SAP ist übrigens die größte Scrum Installation im Software-Business – mit 1000 Teams. Auch wenn einige Teams noch ScrumButs abbilden schon ein recht ansehnliches Ergebnis ;-).

3 Kommentare

  1. …hmm, ich war ein wenig traurig gestern Abend, dass ich diesen unerwartet stau-bedingt in einem Autohof bei einem Zigeunerschnitzel „genießen“ durfte – Hauptsache, das ihr alle viel Spaß und einen interessanten Austausch miteinander und mit Jeff hattet !!!

    CU
    Boeffi

  2. …auf diesem Weg, lieber Rainer, danke für Deine Eindrücke und Zusammenfassung. So habe ich wenigstens noch ein paar Infos…

    CU
    Boeffi

  3. Pingback: Was ist Agilität? | Blue Scrum

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